Der Mondo Lana Adventskalender: eine magische Strickgeschichte zu Weihnachten

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1. Dezember

 

Carlotta starrte auf die Mail, die sie soeben geöffnet hatte, und ärgerte sich. „Toll“, murrte sie in Gedanken sie war keine, die laut motzte. „Einen besseren Moment hätte sie sich nicht suchen können. Da bin ich an meinem ersten grossen Strickprojekt für Weihnachten, und die hat nichts Besseres im Sinn, als eine Weile zu verreisen.“

Carlotta las den Text nochmals durch. „Liebe Kundinnen, liebe Kunden“, stand da. „Aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse ist es mir leider nicht möglich, im Dezember anwesend zu sein. Dennoch müssen Sie weder auf Wolle noch Beratung verzichten. Mit Frau Fana habe ich den perfekten Ersatz für mich gefunden. Sie wird Sie bis zu den Weihnachtsferien in allen Strick- und Häkelsorgen beraten. Mit ganz besonders herzlichen, wenn auch frühen Weihnachtsgrüssen, Ihre Wollhexe, Melinda Weihrauch.“ 

 

„Schöne Hexe“, dachte Carlotta. „Man könnte meinen, so jemand sieht dann doch ein wenig voraus. Diese Frau Fana kann vielleicht kaum stricken, und ich weiss wirklich nicht, wie ich alleine mit dieser Anleitung klar komme. Und schon gar nicht, ob ich mit der Jacke bis Weihnachten fertig werde.“

 

 

2. Dezember

 

Es war, wenn Carlotta ehrlich war, auch ein kleines Bisschen ihre eigene Schuld. Sie hatte sich vorgenommen, ihrem Patenkind, dem vierjährigen Finn, eine Strickjacke zu anzufertigen, mit passender Häkelmütze. Aber irgendwie gedieh keins von beidem. Sie hatte sich einmal mehr einfach zu viel aufgeladen. Finn, Sohn ihrer geliebten Schwester Ella, war ihr Ein und Alles. Sie wollte ihn mit allem Glück überhäufen, das es auf dieser Erde nur irgendwie zu kaufen oder herzustellen gab. Da lag etwas Selbstgestricktes oder Selbstgehäkeltes aus weicher wärmender Wolle doch geradezu auf der Hand!

 

Aber die Angelegenheit war ein Desaster. Klar, jetzt, Anfang Dezember, könnte man noch etwas Anderes kaufen gehen. Doch Spielzeug hatte der Bub mehr als genug; Bilderbücher ebenso. Wenn es nach Carlotta gegangen wäre, hätte sie das Kind zugeschenkt mit Geld, Gold und Silber. Aber vermutlich hätte der Knabe das ja noch gar nicht zu schätzen gewusst. Carlotta konnte es überhaupt gar nicht abwarten, bis er alt genug war, damit sie die grosszügige Patentante spielen konnte. „Mama und Papa kaufen dir kein Meerschwein? - Hier, nimm! Mama und Papa wollen keine neue Hockey-Ausrüstung bezahlen? - Lass uns einkaufen!“ Sie hatte das sich schon lange vor seiner Geburt geschworen: Solange Carlotta lebte, würde Finn nie irgendetwas entbehren müssen. Vielleicht nicht ideale Erziehung. Aber wen kümmerte das. War ja nicht ihr Job. Nein, ihre Aufgabe als Gotte war es, das Kind mit Zuneigung, Unterstützung, ungeteilter Aufmerksamkeit und materiellen Gaben zu überhäufen, wann immer sich Gelegenheit bot.

 

 

3. Dezember

 

Dennoch hatte sie für diese Weihnachten etwas anderes vor, als das Kind mit leeren Konsumgütern zuzuschütten. Finn würde eingestrickt, in einem Gewirk aus Liebe und Alpaka, aus Enthusiasmus und Merino. Aber wenn die Weihrauch verreisen musste, wer würde Carlotta unterstützen?

Missmutig dachte Carlotta an die letzte Reihe, die sie an der Jacke für Finn gestrickt hatte. Holla die Waldfee! Zwei Maschen mehr als vorgesehen waren beim Durchzählen aufgetaucht, obwohl sich Carlotta sicher war, unterwegs ein paar verloren zu haben. Melinda fischte die immer mit viel Geduld wieder auf, ebenso Moni, Carlottas beste Freundin. Die sass im Strickkreis immer neben ihr.

 

Wenn sich die Frauen und der eine Mann des Stricktreffs sich jeweils am zweiten Donnerstag im Monat zum gemeinsamen Stricken und Häkeln einfanden, sass Moni immer neben ihr und flickte diskret da und dort kleine Fehler, die Carlotta am Laufmeter zu produzieren schien.

 

„Nimmt mich wunder, was Moni zu dieser Fana sagt“, dachte Carlotta. Moni war schliesslich fast jeden Tag im Wollladen, den Melinda Weihrauch führte. 

 

 

4. Dezember

Die Wollhexe, so nannte sich die Weihrauch. Ihren Laden hatte sie Hexengarn, Magie zum Stricken getauft. Niemand wusste so genau, warum. Vermutlich waren diesen Woll-Trullas einfach irgendwann die Namen ausgegangen. Kann ja nicht jeder „irgendwas Lana“ oder „Lana irgendwas“ heissen, oder? Seit wann gabs so viele Italiener hier?

Carlotta selbst hatte vage italienische Wurzeln, an die sich kaum jemand in der Familie erinnern konnte. Genug, dass sie und ihre Schwester klangvolle Vornamen erhalten hatte. Zu wenig, dass es auch für einen passenden Nachnamen gereicht hätte.

So oder so hätte Carlotta sofort ihren Namen in irgend etwas anderes getauscht, wenn sie nicht ohnehin so viel Mühe mit Veränderungen gehabt hätte. Diese Buchstabiererei, das ging ihr auf die Nerven.

 

Einmal hatte sie im Ausgang einen Mann kennengelernt, um sieben Ecken befreundet mit Freunden von Freunden. Als er dreimal  nachgefragt hatte, wie Carlotta denn nun hiess (vielleicht, musste Carlotta zugeben, hatte er auch nur einmal nachgefragt, aber dieser Umstand hatte so schwer gewogen, dass er in ihrer Erinnerung zu einem Vielfachen angeschwollen war), hatte ihm Carlotta ins Ohr geschrien, um die laute Musik im Club zu übertönen: „C.A.R.L.O.T.T.A, wie Charlotte, nur italienisch!“ Drei Tage später hatte sie einen Liebesbrief im Kasten gehabt. An „Scharlot“, wie geschrieben stand, von eben diesem Rolf, den sie da kennengelernt hatte. Da konnte sie ihn natürlich nicht mehr allein treffen, auf jeden Fall nicht auf ein romantisches Date. So ein Vollpfosten. Schade, eigentlich. Er hatte ihr schon gefallen.

 

5. Dezember

Am 5. Dezember konnte sich Carlotta nichts mehr in die Tasche lügen: Die Mütze für Finn sah aus wie etwas, womit man bestenfalls gigantische Teekrüge wärmte, und die Jacke… Von der Jacke wollte sie gar nicht so genau wissen, wie sie aussah. Also blieb ihr nichts anderes übrig: Sie musste wohl oder übel bei dieser Frau Fana vorbeischauen.

Als sie den Laden betrat, blieb Carlottas Mund für einen Moment offen stehen: Nebst ihr waren drei andere Kundinnen im Laden, dazu noch vier kleine Kinder, die, wie üblich, die Wollknäuel aus den Gestellen holten und sich damit amüsierten. Mitten im Trubel stand eine Frau: einiges älter als Melinda Weihrauch, das war irgendwie offensichtlich, aber trotzdem ging eine Energie und Jugendlichkeit von ihr aus, die alle ansteckte. Sie hatte lange, schwarze Haare, in denen zahllose silberfarbene Strähnen glänzten. Frau Fana – es gab für Carlotta keinen Zweifel an der Identität der seltsamen Erscheinung – war eine Frau von fast schon auffallender Durchschnittlichkeit: durchschnittlich gross, durchschnittlich alt, durchschnittlich breit, aber mit einem überdurchschnittlich breiten Lachen im Gesicht. Und auch ihre Kleidung schien alles andere als durchschnittlich: Sie trug etwas, das wie mehrere lange ausladende Röcke übereinander aussah, einen bunten Pullover und darüber einen eleganten, lagen Strickmantel. Lederne Stiefel mit gebogenen Spitzen guckten unter den Rocksäumen hervor, und um den Hals hatte sie sich eine leuchtende Kette aus Türkisen und Korallen gehängt.

„Hallo, meine Liebe“, begrüsste sie Carlotta überschwänglich“, während sie einem der Kinder nonchalant das gequälte Wollknäuel entwand. „Ich bin sofort bei Ihnen.“

 

6. Dezember

Staunend beobachtete Carlotta, wie es dieser Frau Fana anscheinend mühelos gelang, gleichzeitig mehrere Kundinnen zu bedienen. „Da wäre die Weihrauch schon arg im Schwitzen“, dachte Carlotta – und schimpfte sich sogleich selber aus für den fiesen Gedanken. Sicherlich lag die unübersehbare Geduld Frau Fanas nur daran, dass sie eben nur die Aushilfe war.

Dennoch war es bemerkenswert. Sie schien nicht ein einziges Mal den Holzschemel zu bemühen, auf den Melinda Weihrauch immerzu kletterte, um an die Knäuel im obersten Regal zu kommen oder die obersten Stränge zurückzuhängen.

Rätselhaft, befand Carlotta. So gross war Frau Fana gar nicht.

Doch bevor sie sich das genau überlegen konnte, waren die drei Kundinnen glücklich strahlend mit vollen Taschen auf dem Weg nach draussen, umgeben von den schwatzenden und lachenden Kindern, die offenbar niemand arg zurechtgewiesen hatte. Der Laden sah, auch nach diesem kleinen Ansturm, aus wie aus dem Ei gepellt. 

 

Carlotta schüttelte den Kopf, um die wirren Gedanken loszuwerden. „Also, ähm. Ich habe ein Problem mit meinen Weihnachtsgeschenken“, sagte sie und wühlte nervös in der mitgebrachten Tasche. Da spürte sie eine Hand auf dem Arm. „Immer mit der Ruhe, meine Liebe“, sagte Frau Fana. Erst jetzt fiel Carlotta der leichte Akzent auf, der in der singenden Sprechweise der Ferienvertretung mitschwang. „Ich bin sicher, es ist nur halb so schlimm. Und den Rest lösen wir einfach.“ 

 

 

7. Dezember

Als Carlotta den Wollladen verliess, schwirrte ihr der Kopf. Diese Frau Fana war ja wirklich eine Nummer. Sie hatte zugehört, genickt, zwei andere Kundinnen bedient und am Schluss Carlotta gezeigt, dass die ganze Sache nicht so wild war, und überhaupt – bevor Carlotta zweimal blinzeln konnte, stand sie schon wieder draussen und wusste, wie sie weiterarbeiten musste. „Vielleicht müsste die Weihrauch ebenfalls öfters Ferien machen“, dachte sie. „Dann wäre sie auch entspannter.“

 

Während sie auf den Bus wartete, öffnete sich im Laden gegenüber die Tür. Dort verkaufte ein findiger Spanier köstliche Würste, Rotwein und Turrones, die in der ganzen kleinen Stadt bekannt waren. Carlottas Herz setzte einen Schlag aus: Rolf verliess das Geschäft eben, mit vollen Tüten in der Hand.

 

8. Dezember

„Und du hast was zu ihm gesagt?“ Moni beugte sich vor. In der lauten Bar, in der die beiden Freundinnen gerne sonntags einen Apéritiv einnahmen, verstand man sonst kein Wort. „Nichts habe ich gesagt“, antwortete Carlotta und leerte ihr Glas. „Warum auch? Ich habe nie auf seinen kleinen Brief geantwortet und ihn nur noch zufällig getroffen, wenn wir in grösseren Gruppen unterwegs waren. Da wärs doch jetzt nur peinlich, wenn ich voll auf Hallihallo machen würde.“ Moni sah sie geradeheraus an. „Andere würden dir sagen, du bist zu heikel und vermutlich auch schlicht zu elitär“, sagte sie und fügte ohne Umschweife hinzu: „Ich sage dir, du bist einfach bescheuert. Er gefällt dir, du gefällst ihm, ihr seid beide Singles. Ein Schreibfehler, und du läufst davon?“ - „Nicht jeder braucht einen Partner“, sagte Carlotta trotzig. „Da gebe ich dir recht“, nickte Moni. „Es gibt viele glückliche Singles, und du bist ja auch zufrieden. Aber mal im Ernst: Wenn man jemanden trifft, den man mag, ist es doch eigenartig, wenn man sich geradezu verschanzt vor dem andern, oder?“ - „Ich habe mich nicht verschanzt“, protestierte Carlotta. „Der Bus kam, das ist eine natürliche Barriere.“

 

Sie verschmierte mit dem Finger etwas Kondenswasser, das auf den Tisch getropft war, und zeichnete damit etwas, das sie als pseudochinesische Kalligraphie beabsichtigt hatte, das aber nun hässlich und nass vor ihr lag. Um zu wissen, dass Moni sie mit hochgezogenen Augenbrauen gnadenlos fixierte, brauchte sie den Blick nicht zu heben.

 

 


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